Japans ‚Survival Game‘ heisst ‚LED‐Strategie‘

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Seit gut 20 Jahren navigiert Japans Wirtschaft mit Null- und Negativ-Zinsen. Beim FMVÖ Financial Forum wurde ausgelotet, wie in diesem Umfeld Banken, Versicherungen, private und öffentliche Wirtschaft bestehen können. Das Zauberwort lautet „LED-Strategie“ - L für die Beteiligung im ultra-langfristigen Bereich, E steht für die Expansion der kommerziellen Bankgeschäfte in aufstrebenden Märkten Asiens (im Fall Eurozone: Osteuropa) und das D für die Diversifizierung der Finanzgeschäfte.

Auf Einladung des FMVÖ diskutierten Strategie‐ und Finanzexperten aus Japan mit Vertretern der österreichischen Finanzwirtschaft „Zwanzig Jahre Nullzinsen in Japan – Was wir von Japan (nicht) lernen sollten“ bei einem gut besuchten Financial Forum am 11. November im Prunksaal der Nationalbibilothek.

Gewinner & Verlierer

„Seit 20 Jahren sieht sich Japan mit einer Nullzinsphase konfrontiert. Wie haben japanische Finanzinstitute reagiert? Sind diese Modelle für europäische Finanzinstitute transformierbar?“, fragte Erich Mayer, Präsident vom Finanz‐Marketing‐Verband Österreich (FMVÖ), zur Einleitung – und sowohl die Frage nach „wie reagiert?“ als auch „transformierbar?“ konnte bereits Key‐Note‐Speaker Hajime Takata, plausibel beantworten: „In Bezug auf Nullzinsen war Japan ein Vorreiter. Mittlerweile können wir die so genannte ‚Japanisierung‘ hinsichtlich der Zinspolitik global beobachten“, erklärte Takata, Vice‐Chairman und Executive Economist beim Mizuho Research Institute in Tokyo. Die langanhaltende Niedrigzinssituation habe die japanische Wirtschaft grundlegend verändert: „Die Regierung und die Unternehmen sind die klaren Gewinner in dieser Situation, die Geldinstitute und die Haushalte die Verlierer. Die Negativzinsen gestalten sich eigentlich als eine Art Geheimgebühren für die Finanzinstitute“, so der japanische Top‐Ökonom.

Survival Game „LED Strategie“

„Unser Survival Game ist die so genannte LED‐Strategie“, erläutert Takata. Dabei steht das L für die Beteiligung im ultra‐langfristigen Bereich, zum Beispiel im Falle von japanischen Staatsanleihen. Das E steht für die Expansion der kommerziellen Bankgeschäfte in aufstrebenden Märkten Asiens und das D für die Diversifizierung der Finanzgeschäfte, etwa im Bereich der Aktien, Immobilien oder Infrastrukturprojekte“, erklärte Takata. Das Resultat dieser Maßnahmen sei eine hohe Rentabilität des japanischen Unternehmenssektors, bei der die Investitionen in Aktien steigen. „Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der Finanzpolitik von einer Geld‐ und Währungspolitik zu einer Budgetpolitik. Die japanische Modern Monetary Theory ist demnach selektiv und weist eine starke Fiskaldisziplin auf“, sagte Takata.

„Wenn wir die Zentralbanken beschimpfen, weil sie die Zinsen niedrig halten, wird uns das nicht weiterhelfen“, erklärte Martin Schulz, Senior Research Fellow und Senior Economist, Fujitsu Research Institute in Tokyo, der rund 30 Jahre seines Lebens in Tokyo verbracht hat. Es sei in Japan zwar zu einer Verdoppelung der Geldmenge M2 gekommen, das sei jedoch nicht nachfragewirksam geworden, das Geld sei in den Banken „stecken geblieben“. Daher habe die Regierung durch eine lockere Geldpolitik in Kombination mit höheren Staatsausgaben die Konjunktur angekurbelt.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Wolfgang Wainig (Die Freibanker), wurde von den Key‐Note‐Speakern und österreichischen Experten nicht nur die Auswirkung der Nullzinspolitk sondern auch Aspekte der (technologischen) Zukunft der Finanzwirtschaft angesprochen, nachfolgend Statements im „Wordrap“:

„Die Niedrigzinspolitik der EZB hatte zwar auch negative Effekte für die Banken, allerdings ist zugleich der Abschreibungsbedarf der Geldinstitute deutlich zurückgegangen“, erklärte Ewald Nowotny, Gouverneur der Österreichischen Nationalbank i.R.. „Die österreichischen Institute sind sehr ertragreich, weil der Wertberichtigungsbedarf gesunken ist. Die steigende Kreditqualität hatte einen gewaltigen Effekt auf die Gewinnentwicklung der Banken.“

Nowotny relativierte die aktuelle Situation bei den Sparzinsen: „Es ist richtig, dass es keinen Ertrag bei Spareinlagen gibt, aber der große Geldvernichter war immer die Inflation und das haben wir im Moment nicht.“ Es gäbe eine „Nominal‐Illusion“, dass selbst Sparbücher gute Erträge – jenseits der Inflation (und KESt) brächten. Nowotny erinnert sich: „Mein Vater ist in den 70er Jahren stolz von der Bank zurückgekommen, weil er die Sparzinsen von drei auf fünf Prozent ausverhandelt hatte. Allerdings lag die Inflation damals bei acht oder neun Prozent.“

Widerspruch von Ralph Müller, Generaldirektor der Donau Versicherung, beim Thema Nullzinspolitik: „Für meine Branche ist das Niedrigzinsumfeld nicht vorteilhaft, wiewohl die EZB nicht alleine dafür verantwortlich ist“ – „Ich habe Kinder und mache mir wirklich Sorgen, dass wir für die nächsten 20 oder 30 Jahre einen ordentlichen Scherbenhaufen hinterlassen könnten. Es ist nicht nur so, dass wir dabei sind, die Umwelt zu ruinieren. Es sieht momentan auch so aus, als würden wir die Spareinlagen unserer Kinder plündern. Die Nullzinssituation ist eine der größten Umverteilungsaktionen von Privat Richtung Staat, denn sie fördert die Ungleichheit in der Gesellschaft.“

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion stellte Joseph Reger, Fujitsu Fellow und CTO von Fujitsu Europa, vierTechnologien vor, die den Finanzsektor nach seinem Ermessen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten grundlegend verändern könnten. „Erstens die Handvenentechnologie, die etwa 100‐mal sicherer ist als der Fingerabdruck. Zweitens die Blockchain‐Technologie, die im Finanzsektor immer noch nicht richtig akzeptiert wurde.“ Drittens Künstliche Intelligenz: „Das Machine Learning wird im Bereich der Bank Ratings völlig neue Perspektiven bieten. Jedoch wird hier der ethisch‐moralische Aspekt immer wichtiger, damit die Werte der Menschheit nicht vernichtet werden.“ Schließlich Viertens die Entwicklung von Quantenrechnern: „Für die Finanzwelt zählt immer mehr das Back‐End, weil das Front‐End bereits verloren ist“, so Reger.

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