Bank‐Austria‐Analyse: Neuerlicher harter Lockdown unterbricht wirtschaftliche Erholung in Österreich

Walter Pudschedl, UniCredit Bank Austria Ökonom
© UniCredit Bank Austria

Walter Pudschedl, UniCredit Bank Austria Ökonom

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Der UniCredit Bank Austria Konjunkturindikator ist im Oktober 2020 zum ersten Mal seit vier Monaten auf minus 1,5 Punkte gesunken. Aufgrund des zweiten Lockdowns dürfte die Erholung im kommenden Jahr schwächer ausfallen als bisher angenommen.

„Der UniCredit Bank Austria Konjunkturindikator ist im Oktober auf minus 1,5 Punkte gesunken. Damit hat sich die Konjunkturstimmung in Österreich erstmals seit vier Monaten verschlechtert“, meint Stefan Bruckbauer, UniCredit Bank Austria Chefökonom, und ergänzt: „Bereits vor Beginn des zweiten Lockdowns hat die heimische Wirtschaft den Rückwärtsgang eingelegt. Die wirtschaftliche Erholung macht in Österreich derzeit eine Pause.“ Die Verbesserung der Konjunkturstimmung in Österreich seit dem Frühsommer, die mit Herbstbeginn bereits an Tempo verloren hatte, fand im Oktober ein vorläufiges Ende. Steigende Infektionszahlen belasten seit Herbstbeginn die Konjunkturstimmung und bremsen die österreichische Wirtschaft. „Die erhöhte Unsicherheit der heimischen Konsumenten im Oktober hat die Nachfrage im Dienstleistungssektor verringert. Bei stabil guter Lage am Bau hat der anhaltende leichte Aufwind in der Industrie diesen Dämpfer im Oktober nicht vollständig ausgleichen können“, so Bruckbauer.

Zwei Konjunkturtrends

Im Detail zeigen die einzelnen Komponenten des UniCredit Bank Austria Konjunkturindikators für Oktober eine Verstärkung der seit Beginn des Herbsts zu beobachtenden Aufspaltung des Konjunkturtrends in Österreich. Auf der einen Seite einen durch den inländischen Infektionsverlauf beeinflussten Teil, der sich aktuell sogar in einer rückläufigen Entwicklung im Dienstleistungsbereich zeigt. Auf der anderen Seite einen durch eine Verbesserung des globalen Umfelds begünstigten Teil, der durch einen Aufschwung in der Industrie geprägt ist. Die Rahmenbedingungen für die österreichische Exportwirtschaft haben sich gestützt auf die steigende Nachfrage vor allem aus dem asiatischen Raum, aber auch aus einigen Nachbarländern, erneut etwas verbessert. Zwar liegt die Industriestimmung in Österreich weiterhin deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt, doch hat sie sich in der Folge immerhin auf den höchsten Wert seit März dieses Jahres aufgehellt. Dagegen hat der jüngste Pandemieverlauf die Verunsicherung vieler heimischer Konsumenten erhöht. Aktuelle Bewegungsdaten zeigen einen Rückgang der Aktivitäten bereits vor dem neuerlichen Lockdown, der sich in vielen Dienstleistungssparten, unter anderem dem stationären Handel, ungünstig niedergeschlagen hat. Zudem ist die Sorge um den Arbeitsplatz wieder stärker in den Fokus gerückt. Relativ unbeeindruckt vom Infektionsverlauf zeigt sich angesichts der guten Auftragslage und nur geringer Störung der Arbeitsabläufe die Stimmung am Bau, die im Oktober unverändert von vorsichtigem Optimismus gekennzeichnet ist.

Erneute Rezession zu erwarten

Mit dem Auslaufen des „Reboundeffekts“ war nach dem starken Wachstum im dritten Quartal 2020 für das Jahresende eine deutliche Verlangsamung der Konjunktur zu erwarten, die der aktuelle Rückgang des UniCredit Bank Austria Konjunkturindikators unterstreicht. Mit der Verschärfung der Pandemie in ganz Europa und der Verhängung des neuerlichen harten Lockdowns ab Mitte November in Österreich haben sich die Aussichten für den Winter noch stärker eingetrübt. „Die Rahmenbedingungen, die in Kürze für die österreichische Wirtschaft gelten werden, lassen keine Fortsetzung der Erholung zu, sondern werden voraussichtlich zu einer neuerlichen Rezession der österreichischen Wirtschaft führen“, meint Walter Pudschedl, UniCredit Bank Austria Ökonom. Der private Konsum wird angesichts der bestehenden Unsicherheit, einer Verschärfung der Lage am Arbeitsmarkt und mangelnder Einkaufsmöglichkeiten vorerst nicht mehr zulegen können. Auch die Investitionstätigkeit wird unter diesem Umfeld leiden, zumal sich die Aussichten für die exportorientierte Industrie durch das verstärkte Aufleben der Pandemie in ganz Europa und die notwendigen Eindämmungsmaßnahmen in den kommenden Monaten verringern.

Wachstumsausblick eingetrübt

Die Pause, die die Erholung der heimischen Wirtschaft über die Wintermonate einlegen dürfte, trübt den Wachstumsausblick für das Jahr 2021. „Durch die nun konkretere Hoffnung auf eine Impfung, die eine Normalisierung des Wirtschaftslebens ermöglichen könnte, scheint zwar ein stärkerer Aufschwung als bisher angenommen in der zweiten Jahreshälfte 2021 möglich , dennoch ist durch die Beschränkungen über den Winter mit einem geringeren Wachstum 2021 zu rechnen als bisher angenommen“, meint Pudschedl und ergänzt: „Die Rahmenbedingungen für den Aufholprozess zum Schließen der durch die Covid‐19‐Pandemie entstandenen Outputlücke sind noch schwieriger geworden. Die heimische Wirtschaft wird das Vorkrisenniveau Ende 2021 spürbar unterschreiten.“

Mehr als 500.000 Arbeitslose Ende 2020

Die Verschlechterung der Wirtschaftsaussichten durch den aktuellen Pandemieverlauf wird sich am heimischen Arbeitsmarkt niederschlagen. „Diesen Winter wird die Beschäftigungssituation im Dienstleistungsbereich, insbesondere in der Gastronomie und in der Beherbergung, besonders schwierig sein. Ende des Jahres dürfte sich daher die Anzahl der Arbeitssuchenden trotz Kurzarbeit auf knapp über 500.000 erhöhen. Damit steigt die Arbeitslosenquote auf 10 Prozent im Jahresdurchschnitt 2020. Die Situation am Arbeitsmarkt in Österreich wird sich voraussichtlich erst mit Beginn der warmen Jahreszeit, vor allem aber erst in der zweiten Jahreshälfte spürbar zu verbessern beginnen“, so Pudschedl. 

Erhöhte fiskalpolitsche Anstrengung wünschenswert

Mit der Unterbrechung der Erholung wird die Inflation in Österreich und im gesamten Euroraum 2021 tendenziell ein noch geringeres Aufwärtspotenzial entwickeln als bisher angenommen. „Angesichts des verschlechterten Konjunkturausblicks für 2021 und der niedrigen Inflationserwartungen durch den aktuellen Pandemieverlauf und die Eindämmungsmaßnahmen ist eine weitere Ausdehnung der expansiven Geldpolitik der EZB nicht unwahrscheinlich. Jedenfalls sind neben dem Einsatz der Geldpolitik die fiskalpolitischen Anstrengungen auf nationaler und europäischer Ebene zu erhöhen, dazu zählt auch eine rasche und wirkungsvolle Umsetzung des Aufbauprogramms Next Generation der EU zur Überwindung der Covid‐19‐Krise, von dem auch Österreich profitieren wird“, so Bruckbauer.

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