Peter Zimmerl: „Wir wissen, wo gerade Ihr Geld ist“

Mag. Peter Zimmerl, Vorstand der Genossenschaft für Gemeinwohl und der Gemeinwohl Zahlungsdienstleistungen AG.
© Aleksandra Pawloff

Mag. Peter Zimmerl, Vorstand der Genossenschaft für Gemeinwohl und der Gemeinwohl Zahlungsdienstleistungen AG.

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Er ist konsequent auf dem Weg zu einem wertebasierten Bankwesen. Mit Idealismus und Überzeugungskraft. Mag. Peter Zimmerl, Vorstand der Genossenschaft für Gemeinwohl und der Gemeinwohl Zahlungsdienstleistungen AG, gibt im Gespräch mit ForumF Einblick in seinen konsequent eingeschlagenen Weg. Dabei soll eine Alternative für Menschen entstehen, die wissen wollen, wo ihr Geld gerade veranlagt ist. Investiert wird in nachhaltige, regionale, transparente und durchaus innovative Projekte mit gesamtgesellschaftlicher Wirkung und Verantwortung. Entscheidend ist nicht der Gewinn, sondern das erreichte Mehr an Gemeinwohl. Im kommenden Jahr wird die Konzession für Zahlungsdienste nach dem ZaDiG (Zahlungsdienstegesetz) angestrebt.

Als Zielgruppendefinition hat Zimmerl einen interessanten „Kriterienkatalog“ formuliert: „Wenn jemand an der Supermarkt‐Kasse einen Papiersack statt ein ‚Plastiksackerl‘ nimmt, wenn im Einkaufswagen Regionales und Bioprodukte Vorrang haben und der Urlaub vorranging im Bio–Hotel oder auf einem Bauernhof verbracht wird, dann ist derjenige auch für gemeinwohlorientierte Finanzdienstleistungen ansprechbar.“
Wichtig sei ihm das „Adressieren” der bereitgestellten Mittel bei Finanzierungsvorhaben. Denn in der globalisierten Finanzwelt mit ihren anonymen Veranlagungsstrategien steige auch in Österreich nunmehr die Zahl jener, die genau wissen wollen, was mit ihrem Geld passiert und die an nachhaltigen Projekten in der Region interessiert seien. Nicht der Zins‐Ertrag sei dabei das entscheidende Kriterium, sondern die Gewissheit, dass etwas für das Gemeinwohl sinnvolles finanziert wird. Ob das eine regionale Käserei, ein alternatives Energieversorgungsunternehmen oder die Aufzucht von Schottischen Rindern im Waldviertel ist. „Wir sind eine freie Genossenschaft, unabhängig von Konzernen und nicht auf Gewinn ausgerichtet und kommen aus der Mitte der Zivilgesellschaft“, betont Zimmerl.

Die Genossenschaft hat sich, noch bevor die FMA für Zahlungsdienstleistungen grünes Licht gibt, die in Bochum angesiedelte GLS Bank aus Deutschland ins Boot geholt. Sie versteht sich ebenfalls als „eine soziale und ökologische Bank, die nicht an den internationalen Finanzmärkten spekuliert, sondern Kredite an Unternehmen vergibt, damit diese sozial, ökologisch und ökonomisch sinnvolle Dinge schaffen können“ (Eigendefinition). Gemeinsam mit dieser Bank, die einen Anteil von 20 Prozent minus einer Aktie an der AG hält und jahrzehntelange Erfahrung im wertebasierten Bankgeschäft aufweist, sei man besser für die Herausforderungen, die sich am österreichischen Markt stellen werden, gerüstet. Bis jetzt sind etwas mehr als 4 Millionen Euro an Genossenschaftskapital aufgebracht worden. Die Zahl der Genossenschafter liegt mittlerweile bei rund 5.700, der Mindest–Genossenschaftsanteil beträgt 200,– Euro. „Es geht uns als übergeordnetes Ziel um die Stärkung des sozialen Zusammenhaltes durch Stärkung nachhaltiger Investitionen, die ökologisch wertvoll sind und nicht unter dem Ertragsdruck klassischer Veranlagungsformen stehen. Der Gemeinwohlaspekt ist die entscheidende Triebfeder des Investments“. Damit stehe man nicht im gleichen Ausmaß im Druck der fallenden Zinsmarge.

Die Genossenschaft betreibt unabhängig vom Aufbau des Zahlungsinstituts seit Jahresanfang eine Crowd‐Fundingplattform (gemeinwohlprojekte.at). Dabei wird nach einem sozial, ökologischen und ethisch orientierten Wertekatalog vorgegangen (Gemeinwohlprüfung). Investiert wird ausschließlich in Unternehmen der Realwirtschaft in Österreich, die den angeführten Kriterien entsprechen.

Das Geschäftsmodell des Zahlungsinstitutes sieht vor, dass ihre Kunden neben dem täglichen Zahlungsverkehr auf Vorschlag der Genossenschaft, nach vorangegangener Auswahl beziehungsweise Gemeinwohlprüfung Unternehmen bei ihren künftigen Schritten unterstützen können. „Die Herausforderung liegt darin Menschen mit ähnlichen, nachhaltigen Interessenslagen zusammenzubringen“, sagt Zimmerl.
„Laut Business Plan wird der Break Even bei rund 25.000 Kunden liegen“, betont Zimmerl. Die Kontogebühr für Privatkunden wird knapp 9 Euro monatlich, jene für Kommerzkunden zwischen 12 und 15 Euro betragen. Wir werden nicht mit Gratiskonto‐Anbietern konkurrieren, Beratung ist gerade bei unserem Ansatz wichtig, wir wollen Menschen überzeugen, wofür sie einen Beitrag leisten und was sie dafür bekommen. Die Genossenschaftsanteile werden derzeit nicht verzinst. Investiert wird in den Aufbau des Zahlungsinstituts. Gewinne im Zahlungsinstitut werden reinvestiert. In einem späteren Schritt wird der Ausbau für Vollbankgeschäft erfolgen, möglicherweise in Partnerschaften wie mit der deutschen GLS.

Das Wichtigste sei aktuell Bewusstsein zu schaffen. Dazu dient auch die Akademie als Teil der Genossenschaft, die in zahlreichen Bildungsangeboten, Informationsveranstaltungen und Projektpräsentationen ein spezifisches Publikum anspricht. Die Entwicklung gäbe Anlass zu Optimismus. Zimmerl setzt auf den Bewusstseinswandel: „Vor 25 Jahren gab es in Wien bestenfalls zwei Bio–Läden. Mittlerweile kann man in ganz Österreich mehr oder weniger flächendeckend Bio–Produkte kaufen, ebenso hat sich der sanfte Tourismus etabliert. Es braucht eben alles seine Zeit…“.

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