Suche
Close this search box.
Top-Themen:
In Kooperation mit
Walter Pudschedl, UniCredit Bank Austria Ökonom
© UniCredit Bank Austria

Walter Pudschedl, UniCredit Bank Austria Ökonom

UniCredit Bank Austria Analyse: Arbeitszeit pro Kopf wird in Europa immer kürzer

Während die Anzahl der Beschäftigten im Euroraum seit 1995 um fast 30 Prozent zugenommen hat, stieg das Arbeitszeitvolumen nur um rund 23 Prozent. Die durchschnittliche Arbeitszeit pro Kopf sank um rund 90 Stunden jährlich. In Österreich sogar um 180 Stunden.

„Die Arbeitszeit pro Kopf ist im Euroraum seit 1995 bis heute um über 6 Prozent zurückgegangen. Eine deutlich gestiegene Produktivität und die Zunahme der Anzahl der Beschäftigten haben seitdem dennoch einen Anstieg der Wertschöpfung um real 50 Prozent ermöglicht“, meint UniCredit Bank Austria Chefökonom Stefan Bruckbauer und ergänzt: „Der Rückgang der eingesetzten Arbeitszeit pro Kopf wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich fortsetzen. Der gesellschaftliche und demografische Wandel wird zu einer großen Herausforderung für die Erhaltung des Wohlstands in Europa werden.“ Dies gilt umso mehr, als in den USA die jährliche individuelle Arbeitszeit um 300 Stunden höher als im Euroraum ist und seit 2010 sogar um rund 85 Stunden zugenommen hat.

Arbeitszeit pro Kopf sinkt in Europa seit langem

2022 hat die Beschäftigung im Euroraum mit fast 144 Millionen einen neuen Rekordstand erreicht. Das entspricht einem Plus von 33 Millionen seit dem Jahr 1995. Die Anzahl der Beschäftigten ist somit im Durchschnitt um fast ein Prozent pro Jahr gestiegen. Spitzenreiter ist Irland mit einem Beschäftigtenanstieg von durchschnittlich 2,7 Prozent pro Jahr während in Lettland die Beschäftigung sogar leicht zurückgegangen ist. In Österreich lag der Beschäftigtenanstieg mit knapp über ein Prozent pro Jahr etwas über dem Durchschnitt.

„Angesichts des Rekords an Beschäftigten liegt auch das Arbeitszeitvolumen im Euroraum mit über 210 Milliarden Stunden im Jahr 2022 auf einem Allzeithoch. Allerdings ist das Arbeitszeitvolumen seit 1995 ‚nur‘ um rund 23 Prozent gestiegen, während die Anzahl der Beschäftigten um 30 Prozent zugenommen hat“, meint UniCredit Bank Austria Ökonom Walter Pudschedl. Insbesondere in Irland, Luxemburg und Malta haben sich diese beiden Zeitreihen stark auseinanderentwickelt. Auch in Österreich ist mit einem Anstieg der Beschäftigten um 33 Prozent und einem Zuwachs des Arbeitszeitvolumens um 18 Prozent die Lücke überdurchschnittlich stark aufgegangen.

Mit rund 1.460 Stunden ist die durchschnittliche Arbeitszeit pro Kopf im Euroraum 2022 um fast 90 Stunden geringer als 1995. Das entspricht einem Rückgang der durchschnittlichen Arbeitszeit um fast 6 Prozent. Zum stärksten Rückgang unter den Ländern des heutigen Euroraums kam es in Irland. Die durchschnittliche Arbeitszeit verringerte sich seit 1995 um 260 Stunden oder fast 14 Prozent. Mit 180 Stunden bzw. mehr als 11 Prozent folgt Österreich mit dem drittstärksten Rückgang im Euroraum. Nur in Zypern kam es in diesem Zeitraum zu einem leichten Anstieg.

„Österreich weist nach Irland und Lettland den stärksten Rückgang der jährlichen Arbeitszeit pro Kopf im Euroraum seit dem Jahr 1995 auf. Sowohl in Irland als auch in Lettland ist das Arbeitsvolumen pro Kopf jedoch immer noch deutlich höher als in Österreich. Nur in Deutschland, Niederlande, Frankreich und Belgien wird weniger Stunden pro Kopf gearbeitet als in Österreich“, so Pudschedl.

Teilzeit boomt

Die Verringerung der individuellen Arbeitszeit im Euroraum widerspiegelt sich in einem Anstieg der Teilzeitbeschäftigung. Die absolute Anzahl an Teilzeitbeschäftigten verdoppelte sich in diesem Zeitraum beinahe auf über 31 Millionen. In Österreich nahm die Anzahl der Teilzeitbeschäftigten von knapp 500.000 im Jahr 1995 auf fast 1,3 Millionen 2022 zu. Das entspricht einem Anstieg um fast 170 Prozent. Nur in Luxemburg, Malta, Spanien und Italien gab es eine noch höhere Dynamik.

Im Euroraum machte im Jahr 2022 die Anzahl der Teilzeitbeschäftigten im Verhältnis zur gesamten Beschäftigung 20,5 Prozent aus. Im Jahr 1995 lag die Teilzeitquote in den heutigen Mitgliedsländern des Euroraums bei nur rund 13 Prozent. Mit 21,5 Prozent hat die Teilzeitquote im Euroraum im Jahr 2015 einen bisherigen Höhepunkt erreicht. Der einsetzende wirtschaftliche Aufschwung nach der Eurokrise führte zu einem Rückgang der Teilzeitquote, der bis heute anhält.

„In Österreich stieg die Teilzeitquote von 13 Prozent 1995 bis 2022 auf fast 30 Prozent. Das ist innerhalb des Euroraums die höchste Teilzeitquote, abgesehen von den Niederlanden. Zum Unterschied vom gesamteuropäischen Trend nahm in Österreich die Teilzeitquote seit 1995 kontinuierlich zu, auch nach 2015“, meint Pudschedl. In Österreich haben mehr als 50 Prozent der Teilzeitbeschäftigten keine Hinderungsgründe für eine Vollzeitbeschäftigung.

Produktivität stark gestiegen

„Der sinkenden individuellen Arbeitszeit steht ein deutlicher Anstieg der Produktivität gegenüber. Im Durchschnitt sind Beschäftigte im Euroraum seit 1995 um fast ein Viertel produktiver geworden“, so Pudschedl. Die Bruttowertschöpfung pro geleisteter Arbeitsstunde verdoppelte sich von 30 Euro im Jahr 1995 auf fast 60 Euro. Das entspricht inflationsbereinigt einem Anstieg um 22 Prozent.

Die stärksten Produktivitätszuwächse unter den Ländern des Euroraums konnten die mittel- und osteuropäischen Mitglieder, wie vor allem die Balten und die Slowakei, verzeichnen. Der Strukturwandel im Zuge der Transformation der Wirtschaften nach der Ostöffnung schlug sich in Produktivitätszuwächsen um bis zu 300 Prozent nieder. Unter den westlichen Mitgliedsländern weist Irland, das von einer Vielzahl an Firmenansiedlungen dank der Gewährung von steuerlichen Vorteilen profitierte, die höchsten Produktivitätszuwächse auf, während in Griechenland als Folge der massiven wirtschaftlichen Probleme im Zuge der sogenannten Eurokrise die Produktivität sogar gesunken ist.

„Österreich weist mit rund 35 Prozent einen überdurchschnittlich hohen Produktivitätszuwachs seit 1995 auf und damit auch einen höheren als der Haupthandelspartner Deutschland. Die Bruttowertschöpfung pro Arbeitsstunde war mit fast 70 Euro im Jahr 2022 mehr als doppelt so hoch als 1995 und übersteigt den Vergleichswert für den Euroraum mittlerweile um 16 Prozent, nach nur 7 Prozent 1995“, so Pudschedl.

Wertschöpfung könnte im Euroraum um 69 Prozent höher sein

Die Erhöhung der Produktivität hat einen großen Anteil am Anstieg der reale Bruttowertschöpfung im Euroraum seit 1995 um 50 Prozent. Die Erhöhung der Produktivität allein sorgte für eine um 22 Prozentpunkte höhere reale Bruttowertschöpfung. Die Zunahme der Arbeitsstunden um 39 Milliarden seit 1995 ermöglichte für sich allein einen Anstieg der realen Bruttowertschöpfung in etwas stärkerem Ausmaß als die Produktivitätsverbesserung.

„Während die Produktivitätsgewinne und die gestiegenen Arbeitsstunden etwa zu gleichen Teilen für den Anstieg der Wertschöpfung seit 1995 um rund 50 Prozent im Euroraum verantwortlich sind, hat die Verringerung der durchschnittlichen Arbeitszeit pro Kopf den Anstieg gebremst. Wenn sich die durchschnittliche Arbeitszeit im Zeitraum zwischen 1995 und 2022 nicht um rund 90 Stunden im Jahr verringert hätte, könnte bei ansonsten unveränderten Parametern die reale Bruttowertschöpfung im Euroraum um etwa 9 Prozentpunkte höher sein“, so Pudschedl.

In Österreich sorgte bei einem überdurchschnittlich hohem Anstieg der realen Bruttowertschöpfung um rund 60 Prozent der Produktivitätsanstieg für rund drei Fünftel und das gestiegene Arbeitszeitvolumen für zwei Fünftel des Zuwachses. Der starke Rückgang der durchschnittlichen Arbeitszeit reduzierte die potenziell erreichbare Bruttowertschöpfung in Österreich um 12,5 Prozent.

Herausforderungen durch gesellschaftlichen und demographischen Wandel steigen

Der Rückgang der verfügbaren individuellen Arbeitszeit wird sich in Europa in den kommenden Jahren voraussichtlich fortsetzten. Hinzu kommt mit der Überalterung eine demographische Entwicklung auf Europa zu, die zumindest auf eine Abschwächung des Wachstums des Arbeitskräfteangebots hinweist.

„Der gesellschaftliche und demographische Wandel stellen Herausforderungen für den Wohlstand in Europa dar. Verstärkte Anstrengungen zur Erhöhung der Beschäftigung, eine Verbesserung der Produktivität durch Innovationen sowie der Einsatz effizienterer Leistungserstellungsmethoden könnten dem entgegenwirken. Dies wird sich aber in vielen, vor allem kontaktorientierten Dienstleistungssparten, wie z.B. in der Beherbergung und Gastronomie oder im Gesundheitssektor, nur schwer ohne Qualitäts- bzw. Serviceeinbußen umsetzen lassen“, meint Bruckbauer abschließend. Gleichzeitig nimmt durch eine weitere Verringerung des zeitlichen Arbeitsangebots das Risiko von Wohlstandsverlusten bzw. deutlich abgeschwächten Wohlstandszuwächsen im Vergleich zur Vergangenheit zu.

In Kooperation mit

FMVÖ

Wöchentlich die wichtigsten News?

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und erhalten Sie jeden Donnerstag die aktuellsten News aus der österreichischen Finanzmarketingszene in Ihren Posteingang.