ForumF: Liebe Frau Mag. Landrichtinger, vielen Dank, dass Sie für ein Gespräch in unserer Reihe mit bedeutenden Persönlichkeiten der Branche zur Verfügung stehen. Sie sind seit Anfang November 2025 Geschäftsführerin der Bundessparte Bank und Versicherung der Wirtschaftskammer Österreich. Wie geht es Ihnen nach den ersten Monaten – und was zeichnet die Branche aus?
Eva Landrichtinger: Die ersten Monate waren intensiv und sie waren gleich geprägt von der Diskussion um die Verlängerung der Stabilitätsabgabe. Das ist ein Wermutstropfen gleich zu Beginn meiner Zeit als Geschäftsführerin. Wir haben als Sparte in den vergangenen Monaten unzählige Gespräche geführt, unsere Position dargelegt und versucht, größtmöglichen Schaden vom Sektor abzuwenden. Immerhin ist es gelungen, zumindest eine langfristige Reduktion zu erreichen, das ist positiv.
Trotz dieser schwierigen Ausgangslage habe ich eine Branche kennengelernt, die unglaublich resilient ist. Österreichs Banken und Versicherungen sind stabil, wirtschaftlich erfolgreich, innovativ und regional stark verankert. Diese Nähe zu Kundinnen und Kunden ist ein österreichisches Spezifikum, das man auf europäischer Ebene oft erklären muss und das ich als große Stärke sehe. Zudem ist der gesamte Sektor sehr stark in Osteuropa präsent, das hilft, wenn der Heimmarkt wirtschaftlich schwächelt.
ForumF: …und was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen?
Eva Landrichtinger: Im Bankenbereich ist die größte Herausforderung die Kombination aus überbordender Regulatorik und der zusätzlichen Belastung durch die verlängerte Stabilitätsabgabe. Die Abgabe war ursprünglich temporär gedacht, besteht aber seit 15 Jahren und wurde nun erneut verlängert. Das in einer Phase, in der die Aufsicht gleichzeitig immer höhere Kapital- und Liquiditätspuffer verlangt. Diese doppelte und teils widersprüchliche Regulierung sehen wir auch im Versicherungsbereich. Jede einzelne Regelung mag für sich genommen sinnvoll sein, aber die Summe aller Vorgaben und Berichtspflichten ist mittlerweile eine echte Wachstumsbremse. Dazu kommen in beiden Bereichen große Transformationsaufgaben: Digitalisierung, Nachhaltigkeit, geopolitische Unsicherheiten und ein wirtschaftlich herausforderndes Umfeld.
ForumF: Sprechen wir über einige Themenschwerpunkte Ihrer Arbeit und beginnen wir mit der Regulatorik. Die ist ein Dauerbrenner und schafft zwar auf der einen Seite – hoffentlich – faire Wettbewerbsbedingungen und Sicherheit für alle Marktteilnehmer, hat aber gerade in der Europäischen Union und damit auch bei uns zu massiven organisatorischen, ressourcenmäßigen und fachlichen Herausforderungen geführt. Wie ist da Ihr Zugang, bzw. der Bundessparte?
Eva Landrichtinger: Mir ist ein konstruktiver und offener Austausch mit der Aufsicht und den zuständigen Entscheidungsträgern in der Politik wichtig. Gerade nach der Verlängerung der Stabilitätsabgabe braucht es spürbare Entlastungen. Dafür setzen wir uns jeden Tag ein. Wir fordern keine Deregulierung, aber eine Stopptaste. Die Institute sind mit einer Vielzahl paralleler Anforderungen konfrontiert: Kapitalpuffer, ESG Regelungen, AML-Pflichten, DORA, neue Meldeformate. Gleichzeitig steigen die Aufsichtskosten, obwohl die Zahl der beaufsichtigten Institute sinkt.
Wir haben der Bundesregierung ein umfassendes Paket mit über 30 konkreten Entlastungsvorschlägen für Banken und Versicherungen übermittelt und führen laufend Gespräche mit Ministerien, Behörden und politischen Entscheidungsträgern. Unser Ziel ist klar: Doppelgleisigkeiten abbauen, Schnittstellen harmonisieren und wirtschaftliche Chancen nicht durch überbordende Regulierung gefährden.
ForumF: Wie sehen Sie die österreichischen Banken und Versicherungen im europäischen Umfeld? Einige Institute haben in den vergangenen Jahrzehnten eine große internationale Präsenz und Bedeutung aufgebaut – eine tolle Erfolgsgeschichte – andererseits gab es ebenso eine Menge an Konsolidierung – sind wir gut aufgestellt?
Eva Landrichtinger: Österreichs Institute sind insgesamt sehr gut aufgestellt. Die Kapitalausstattung ist solide, das Risikomanagement professionell, und viele Regionalbanken sind extrem nah an ihren Kundinnen und Kunden. Das ist ein Standortvorteil. Der Sektor hat seine Lehren aus der Finanzkrise gezogen, umso ärgerlicher ist es, dass wir mit der Verlängerung der Bankenabgabe noch immer die Rechnung dafür zahlen. Zumal die Abgabe ein klarer Wettbewerbsnachteil gegenüber europäischen und digitalen Mitbewerbern ist, die diese Sondersteuer nicht trifft.
Was oft übersehen wird: Die Branche ist ein Motor des Wirtschaftskreislaufs. Banken finanzieren Unternehmen, Infrastruktur, Energieprojekte und private Haushalte. Ohne funktionierende Finanzierung gibt es keine Investitionen, keine Innovation und weniger Beschäftigung. Diese Rolle möchte ich stärker sichtbar machen. Und was die Versicherungen betrifft: Kaum eine Branche ist so nah an den Kunden und sieht die Auswirkungen des demografischen und ökologischen Wandels mit dem wir als Gesellschaft konfrontiert sind. Was Österreich ausmacht, ist die kleinteiligere und regionale Struktur, das kennt man auf europäischer Ebene so nicht und hier muss man auch bei der Aufsicht immer wieder Verständnis schaffen.
ForumF: Nun zum Mega-Thema „Digitalisierung“: hier ist die Entwicklung sehr dynamisch. Bankgeschäfte werden heute – insbesondere bei Routinetransaktionen – digital abgewickelt, Versicherungspolizzen kann man zum Teil bereits rein online abschließen. Österreichische Institute waren darin oft Vorreiter.
Eva Landrichtinger: Die Digitalisierung hat die Branche bereits stark verändert und das ist gut so. Viele Institute waren hier Vorreiter. Mit Künstlicher Intelligenz kommt jetzt eine neue Dimension dazu. Wichtig ist, dass Innovation und Sicherheit Hand in Hand gehen. Die Branche misst dem Thema Sicherheit höchste Priorität bei und investiert massiv in Cybersecurity, IT Resilienz und moderne Services. Gleichzeitig bleibt die persönliche Beratung ein zentraler Bestandteil, gerade in komplexen Finanzfragen. Die technologische Ebene ist das eine, die rechtlichen Rahmenbedingungen sind das andere. Bis heute ist es zum Beispiel nicht möglich, die Rückerstattung im niedergelassenen Bereich für die Versicherten zu vereinfachen, weil es zwischen Sozialversicherungsträgern und privaten Krankenversicherern keinen Datenaustausch gibt.
ForumF: Das bringt uns kurz zum Thema „ForumF Innovation Day“ am 10. November in Wien. Wir freuen uns auf Ihren Beitrag dort – dürfen wir schon vorsichtig Fragen und ohne zu viel zu verraten, was Ihre Key-Message sein wird?
Eva Landrichtinger: Meine zentrale Botschaft wird sein: Innovation braucht Stabilität und Stabilität braucht effiziente Regeln. Wir müssen Digitalisierung ermöglichen, ohne die Institute mit unnötiger Bürokratie zu überlasten. Und wir müssen die Chancen neuer Technologien nutzen, ohne die Wahlfreiheit der Kundinnen und Kunden einzuschränken.
ForumF: Nun zur Wirtschaftlichkeit. Die Geldinstitute, Versicherungen und Pensionskassen haben in den Jahren der Nullzinsphase sehr schwierige Zeiten durchgemacht. In den letzten Jahren hat sich insbesondere Aufgrund der Zinswende die Situation verbessert, wie sehen Sie den mittelfristigen Ausblick? Was sollten die Institute besonders im Auge haben?
Eva Landrichtinger: Banken sind keine Krisengewinner, wie es von einigen Akteuren bewusst falsch dargestellt wird. Die aktuelle Ertragslage ist vor allem eine Normalisierung nach vielen Jahren niedriger Zinsen, dem Abbau von Corona Risikopuffern und Effizienzsteigerungen durch Digitalisierung. Diese Gewinne fließen in Eigenkapital, Risikovorsorge, Cybersecurity und die Aufrechterhaltung der Bargeld und Filialinfrastruktur. Zudem sehen wir seit Jahren steigende Anforderungen seitens der nationalen und europäischen Aufsichtsbehörden, was sich in höheren Kapitalpuffern und steigenden Regulierungskosten niederschlägt.
Entscheidend wird sein, dass Regulierung Stabilität sichert, ohne die Kreditvergabe und Innovationskraft zu behindern. Banken fungieren als Motor der Wirtschaft, wenn man sie lässt und nicht mit sektorspezifischen Auflagen daran hindert.
ForumF: Ein sehr dynamisches und in der letzten Zeit auch „geopolitisch“ aufgeladenes Thema ist der Zahlungsverkehr. Da gibt es große Veränderungen durch die Krypto-Währungen, Tokenisierung und den digitalen Euro. Österreichs Banken waren auch bei diesen Themen in der Vergangenheit oft Vorreiter. Wie ist da die Position der Bundessparte?
Eva Landrichtinger: Wir begleiten technische Neuerungen konstruktiv, aber mit einer gesunden Portion Skepsis. Der digitale Euro zum Beispiel ist ein Projekt mit enormer Tragweite für Europa, dessen Auswirkungen weit über den Finanzsektor hinausreichen und in seiner Dimension mit der Einführung der gemeinsamen Währung vergleichbar ist. Aber viele zentrale Fragen sind noch offen: Wie funktioniert das System im Handel? Wer trägt die Kosten? Wie hoch ist das Haltelimit? Welche Auswirkungen hat das auf Einlagen? Diese Fragen stellt man üblicherweise am Beginn eines Projektes, genauso nach dem Nutzen. Das ist bislang nicht ausreichend passiert. Zudem entsteht der Eindruck, dass das Projekt in der Bevölkerung bislang nicht breit verankert ist, da der Mehrwert nicht ausreichend dargelegt wurde – zumal Kundinnen und Kunden bereits heute über alle wesentlichen Bezahlmöglichkeiten verfügen, die sie sich beim Bezahlen wünschen.
Es sollte zudem den Marktteilnehmern überlassen werden, neue Technologien im Sinne ihrer Kundinnen und Kunden innovativ einzusetzen und neue Produkte und Services anzubieten, da sie die Bedürfnisse ihrer Kundinnen und Kunden am besten kennen. Ein gesetzlich vorgegebenes Produkt, wie etwa der digitale Euro, könnte diesen Innovationsspielraum hingegen einschränken und wirft gleichzeitig Fragen hinsichtlich seiner Auswirkungen auf den Wettbewerb auf.
Für uns sind zwei Aspekte wichtig: Die Wahlfreiheit beim Bezahlen muss erhalten bleiben. Und es darf keine zusätzliche Bürokratie für Banken entstehen. Zudem gibt es privatwirtschaftliche Alternativen wie Wero, die aufgrund ihrer Marktnähe durchaus Potential haben.
ForumF: Nun eine Frage zum Thema Finanzbildung: wird da insgesamt genug gemacht, sehen Sie die österreichischen Konsumentinnen und insbesondere die Jugend vorbereitet auf ein kompetentes „Finanzleben“?
Eva Landrichtinger: Ich bin nicht sicher, ob es zu viel Finanz- und Wirtschaftsbildung geben kann. Es hat sich in Österreich schon vieles nach vorne bewegt, aber es reicht noch nicht. Finanzbildung ist Standortpolitik und ein Beitrag zu sozialer Teilhabe. Sie sollte jedenfalls auch einen stärkeren Fokus in der Ausbildung bekommen. Schule und Bildungsangebote haben daher eine zentrale Aufgabe: Sie müssen allen jungen Menschen einen selbstverständlichen und praxisnahen Umgang mit Geld vermitteln.
Besonders wichtig ist das Thema für junge Menschen sowie für Frauen. Wir kommen aus einer Tradition, in der finanzielle Fragen oft bei Männern verortet waren. Diese Rollenbilder wirken bis heute nach, wie etwa bei Einkommen, Teilzeit, Karenz, Sorgearbeit, Vermögensaufbau und Pensionen. Finanzbildung kann diese strukturellen Ungleichheiten nicht allein lösen, aber sie hilft, finanzielle Folgen von Lebensentscheidungen früh sichtbar zu machen und informierte Entscheidungen zu treffen. Je früher Finanzbildung ansetzt, desto selbstverständlicher wird der Umgang mit Geld und desto größer werden die Chancen auf finanzielle Unabhängigkeit, Sicherheit und Selbstbestimmung.
ForumF: Abschließend: Welche Akzente wollen Sie persönlich setzen?
Eva Landrichtinger: Mein wichtigster Akzent ist ein Perspektivwechsel: Ich möchte Banken und Versicherungen nicht primär als regulierte Industrie diskutieren, sondern als das, was sie im Kern sind: Ermöglicher. Wer ein Haus kauft, ein Unternehmen gründet oder sich gegen existenzielle Risiken absichert, braucht verlässliche Partner. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht: Dafür braucht es stabile Rahmenbedingungen, verhältnismäßige Regulierung und ein politisches Umfeld, das Banken und Versicherungen als Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur begreift. Persönlich ist mir auch wichtig, dass die Branche weiblicher wird, nicht nur in der Kommunikation. Dafür setze ich mich ein.
Vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person: Mag. Eva Landrichtinger ist Juristin und seit 1.11.2025 Geschäftsführerin der Bundessparte Bank und Versicherung, WKÖ. Zuvor war sie Kabinettschefin und Generalsekretärin im ehemaligen Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft und ist aktuell Mitglied des Aufsichtsrats der FMA, der ESA GmbH und der Schönbrunn Group.

















