Das Ritual der Lohnverhandlungen gilt in Österreich als „heilige Kuh”. Seit Jahrzehnten läuft das immer nach dem gleichen Schema ab. Auf der einen Seite des Tisches sitzen die Gewerkschafter, die sich relativ einfach „aufmunitionieren”: Sie berechnen die Inflationsrate der letzten zwölf Monate und legen bei ihrer Forderung noch etwas drauf, damit die Kaufkraft auch real steigt. Das hängt formal von der Produktivität und der Gewinnsituation der Betriebe ab. Ihnen gegenüber sitzen die Arbeitgeber-Vertreter, die hauptsächlich nach Argumenten suchen, wie sie möglichst viel dieser Forderung herunter verhandeln können.
Einer der großen Nachteile dieser „Massenabfertigung” ist, dass tausende Betriebe über einen Kamm geschoren werden. Denn viele Branchen, für die gemeinsam verhandelt wird, haben höchst unterschiedliche, manchmal sogar extrem entgegengesetzte Ertragssituationen. Doch Ideen, gewisse Bereiche daher getrennt zu verhandeln, lehnt die Gewerkschaft meist brüsk ab. Denn sie ist – aus ihrer Sicht – natürlich umso stärker, je mehr Mitarbeiter sie in einem Abschluss vereinen kann. Ob das auch für die Arbeitnehmer das beste ist, darf allerdings bezweifelt werden.
Völlig versagt hat das österreichische System in der Zeit, als die Inflation in zweistellige Höhen schoss. Da wurde – auch von der Politik – die Devise ausgegeben, dass man um jeden Preis die Kaufkraft erhalten müsse und daher die Inflation voll abdecken muss. Die Sozialpartner einigten sich damals auf unzählige Abschlüsse sogar im Ausmaß von über zehn Prozent. Kurz darauf stellte sich heraus, dass nirgendwo in Europa derart hohe Gehaltserhöhungen gewährt wurden wie bei uns.
Die Belastungen für die Betriebe, die auch die Lohnnebenkosten stemmen mussten, waren enorm und hatten zwei negative Folgen: Die internationale Wettbewerbsfähigkeit heimische Firmen litt massiv und der Kostendruck führte in weiterer Folge zu Personalabbau und sogar Pleiten.
Nicht einmal der politisch so gewünschte Effekt, dass die Menschen wieder mehr in den Konsum stecken und so die Konjunktur ankurbeln, trat ein: Denn es stellte sich heraus, dass das zusätzliche Geld vor allem auf den Sparbüchern landete. Die Sparquote erreichte mit zweistelligen Werten auch nach Corona Rekordhöhen, der private Konsum hingegen blieb schwach, was ein Hauptgrund dafür war, dass wir zwei Jahre ohne Wirtschaftswachstum erlebten. Auch jetzt kämpfen wir darum, dass wir gerade einmal ein reales Plus des BIP von einem Prozent erreichen.
Vor diesem Hintergrund laufen gerade die Herbst-Lohnrunden. Diesmal zwar ohne die Metaller, die im Vorjahr erstmals einen Zwei-Jahres-Abschluss unterzeichneten. Doch im Handel (Forderung 3,8%) oder bei den ÖBB (3,26%) zeichnen sich schwierige Verhandlungen ab. Seit einiger Zeit tauchen immer wieder Stimmen auf, die eine Abkehr von der jahrzehntelangen „Benya-Formel” (Abschluss ist Abgeltung der Inflation plus dem mittelfristigen Produktivitätszuwachs) fordern, weil sie der Standortattraktivität Österreichs massiv geschadet habe. Um die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe und bestehende Arbeitsplätze zu sichern, müsse man weg von der „rollierenden Inflation” (der letzten 12 Monate) und sich mehr an der individuellen wirtschaftlichen Lage der jeweiligen Branche orientieren.
Diese Idee unterstützen z. B. der Wirtschaftsforscher Holger Bonin und der langjährige WKO-General Karlheinz Kopf. Das lehnen die Gewerkschaften naturgemäß vehement ab. Doch Faktum bleibt: Die Arbeitslosigkeit steigt jedes Monat weiter. Die Konjunktur springt nicht wirklich an, Österreich hinkt in internationalen Vergleichen in vielen Bereichen hinterher. Eine gewisse Lohnzurückhaltung zumindest solange, bis wir von der Kriechspur wieder auf die Überholspur kommen, wäre eine große Hilfe. Die Arbeitnehmer könnte man damit locken, dass man mehr Prämien (steuerbegünstigt?) anbietet, die bei erfolgreicher wirtschaftlicher Entwicklung eines Betriebes ausgezahlt werden. Andere kreative Ideen sind ebenfalls willkommen. Die Devise „kein weiter wie bisher” sollte für die Lohnpolitik genauso gelten wie für die Vorhaben der Regierung. Leider sind wir auch in dieser Hinsicht ein Land der Ankündigungs-Weltmeister und der Umsetzungs-Zwerge …










