„Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
mit unserer neuen Gesprächsserie „Big Interview“ wollen wir als Medium den dynamischen Entwicklungen unserer Branche Rechnung tragen. Und zwar auf die bestmögliche Art: durch Informationen, Ideen und Erfahrungen aus erster Hand. Von den „Movers and Shakers“, die uns ausführlich Einblick in ihre Verantwortung und ihre Sichtweisen geben und damit neue Horizonte und wertvolles Wissen vermitteln.
Wir hoffen, Ihnen damit – als Infoservice der Branche – wichtige Impulse und noch mehr Lesevergnügen zu bieten.
Ihr ForumF-Team“
ForumF: Sehr geehrter Herr Dr. Rudorfer, lieber Franz, vielen Dank, dass Du uns zu einem Gespräch in unserer Reihe mit führenden Köpfen der Branche zur Verfügung stehst. Bis vor kurzem hattest Du die leitende Funktion der Bundessparte „Bank und Versicherung“ der Wirtschaftskammer Österreich. Wenn Du zurückblickst, was waren aus Deiner Sicht wesentliche Punkte, die Deine Arbeit geprägt haben?
Dr. Rudorfer: Der Finanzsektor ist in Österreich und Europa wohl der am dichtesten regulierte Wirtschaftsbereich. Über Jahrzehnte wurde der Finanzindustrie in Aussicht gestellt, zu entbürokratisieren und die Zunahme neuer Regularien zumindest zu bremsen. Das Gegenteil war der Fall, allein mit der Änderung der Aufsichtsstruktur und der sogenannten Level 2 und 3 Gesetzgebung durch die EBA, ESMA und EIOPA, die europäischen Aufsichtsagenturen, nahm die Zahl der Vorschriften nochmals erheblich zu und wurde sowohl in zeitlicher als auch inhaltlicher Hinsicht schlicht unüberschaubar. “Gut gemeint“ kann definitiv das Gegenteil von „gut“ sein.
ForumF: Was hieß das konkret für Deine Arbeit?
Dr. Rudorfer: Für mich stand in der Zeit, in der ich Geschäftsführer der Bundessparte sein durfte (Anm. 2012–2025), die Schaffung von Planungs- und Rechtssicherheit sozusagen als „letztes Grundrecht der Finanzbranche “ im Vordergrund. Dieses „regulatorische auf Sicht fahren“ das die überzogene und unplanbare Bürokratie auslöst, bindet bei den Finanzinstituten mittlerweile einen nicht mehr vertretbaren Teil der Ressourcen und ist ein gravierender Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Märkten. In den letzten Jahren kam ein weiterer Unsicherheitsfaktor dazu. Gerichte änderten in zentralen Fragen ihre Einschätzung bzw. Beurteilung von rechtlichen Grundlagen der Akteure am Finanzmarkt. Aktuelles Beispiel unter mehreren ist etwa die Judikatur zur Zulässigkeit von Kreditbearbeitungsgebühren.
ForumF: Das war sicher eine große Herausforderung – was stand noch im Mittelpunkt?
Dr. Rudorfer: Erfreulicherweise ist es Mitte der Zehnerjahre gelungen, die Bankenabgabe von fast 600 Mio Euro auf vorerst 100 Mio zu senken. Diese Erleichterung war mit einer enormen Abschlagszahlung verbunden. Obwohl die jährliche Belastung ohnehin wieder signifikant gestiegen ist, wurde im Vorjahr dennoch wieder eine befristete Erhöhung der Bankenabgabe beschlossen. Ein schlechtes Signal für die Märkte und Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit ebenso wie eine Beeinträchtigung der Kreditvergabe.
ForumF: Eine „never ending story” ist immer wieder der Zahlungsverkehr! Was ist Dein ‑zugegeben subjektives Bild – der Branche dazu?
Dr. Rudorfer: Österreich verfügt über ein besonders gutes Preis-/Leistungsverhältnis rund um das Konto und im Zahlungsverkehr. Zu einem im europäischen Vergleich günstigen Preis können Kund:Innen hochwertige Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Hohe Sicherheit, besonders wichtig im Kampf gegen eine global agierende kriminelle Industrie, verbunden mit Bequemlichkeit und modernen Produkten, zeichnen uns aus. Und die Wahlfreiheit, ob man digital oder analog Finanzgeschäfte erledigt, ist längst zur Selbstverständlichkeit geworden!
ForumF: Wie siehst Du den Versicherungssektor in Österreich?
Dr. Rudorfer: Versicherungen sind ein natürlicher Stabilisator, in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht. Gerade in so volatilen Phasen wie wir sie aktuell durchlaufen und Herausforderungen durch Unwetter und durch das Klima, braucht es die verlässliche Partnerschaft mit der Versicherungswirtschaft. Versicherungen, sowie Pensions- und Vorsorgekassen bieten nicht nur die so wichtige Ergänzung zur staatlichen ersten Säule der Pensionen, sondern sind auch nachhaltiger Investor und Partner für die vielfältigen Herausforderungen. Dieses Potential zu nutzen und die Rahmenbedingungen für die 2. und 3. Säule zu stärken, war und ist eine der zentralen Aufgaben der Interessenvertretung. Wie andere Länder vorzeigen, ist eine Ergänzung nicht nur machbar, sondern auch wichtiger volkswirtschaftlicher Stabilisator.
ForumF: Kommen wir zur Zukunft und den kommenden Entwicklungen. Wo sind die Knackpunkte für die Branche? Wo die Chancen?
Dr. Rudorfer: Allein die Digitalisierung hat den Markt für Finanzdienstleistungen fundamental verändert und wird ihn auch weiterhin revolutionieren. Neue Anbieter, neue Services und die auch wirtschaftlich grundlegend geänderte Weltordnung stellen die Finanzindustrie vor gewaltige Herausforderungen, bieten aber auch enorme Chancen, und zwar für alle bestehenden und auch neuen Akteure. Am Beispiel des Projektes für einen digitalen Euro wird das Potential an Veränderung ersichtlich.
ForumF: …ein Thema, das nicht auf ungeteilten „Jubel“ stößt…!
Dr. Rudorfer: Während es angesichts der globalen Veränderungen unstrittig ist, dass Europa auch bei Finanzdienstleistungen „auf eigenen Beinen stehen muss“, wird der Weg zur notwendigen Autonomie unterschiedlich beurteilt. Österreichs Banken treten für privatwirtschaftliche Lösungen ein die nicht nur kostengünstiger, sondern auch effizienter sind. Es gibt hier mehrere Wege, die nach Rom führen, wie etwa Wero der European Payment Initiative. Den Menschen in Österreich ist ihre Wahlfreiheit beim Bezahlen wichtig und daher ein Bekenntnis zum Bargeld erforderlich. Dieses Thema spielt sich nicht nur im Kopf, sondern im Bauch der Bevölkerung ab.
ForumF: Heute ist kein Gespräch über diese Themen mehr möglich, ohne die heraufkommenden Alternativen…
Dr. Rudorfer: Enormes Potential und Herausforderungen gleichzeitig hat der Crypto Bereich. In diesem jungen Markt sind die im klassischen Finanzsektor geltenden Prinzipien wie Planungssicherheit, Vertrauen, faire Wettbewerbsbedingungen und eine proportionale Aufsicht von besonderer Bedeutung. Die nächste KI Evolutionsstufe, Agentic AI, ist nicht weniger als eine Finanz Transformation. Hier die fine line an ausreichender Aufsicht, Convenience und Vertrauen zu finden, ist eine Challenge. Mein Rat ist: Kooperation anstelle Konfrontation.
ForumF: …und das Dauerthema Nachhaltigkeit?
Dr. Rudorfer: Das bereitet besonderes Kopfzerbrechen. Der Finanzsektor war und ist hier Motor und Betroffener gleichzeitig. Es ist ebenso klar, dass hier Handlungs- und Finanzierungsbedarf in gewaltigem Ausmaß besteht, wie dass die Herausforderungen nicht mit Bürokratie zu lösen sind. Leider hat Europa hier gewaltig überzogen. Europa muss verstehen, dass das Thema Nachhaltigkeit nicht mit Meldepflichten vor allem von „Ist Zuständen“ zu lösen ist. ESG kann, richtig gemacht, als wettbewerbsdifferenzierender Risikoparameter verstanden werden. ESG muss pragmatisch und als Business Case ablaufen und nicht über Bürokratie und überzogene Auflagen.
ForumF: Was ist Dir ein besonderes Anliegen?
Dr. Rudorfer: Seit Beginn meiner Tätigkeit für den Finanzsektor versuchen die maßgeblichen Akteure die Politik davon zu überzeugen, dass die großen Herausforderungen, beginnend mit dem brennenden Thema Pensionen bis zur Finanzierung leistungsfähiger Energienetze, nur mit einem leistungsfähigen Kapitalmarkt gestemmt werden können. Österreichs budgetäre Situation muss auch die größten Zweifler davon überzeugen. Dass das gesetzlich vorgesehene Auslaufen der erhöhten Bankenabgabe allein in diesem Kontext ein Gebot der Stunde ist, braucht nicht den Rat eines früheren Geschäftsführers der Bundessparte.
ForumF: Jemand wie Du, der viele Jahre an entscheidender Stelle mitgewirkt und mitgestaltet hat – wie sieht Dein neuer Lebensabschnitt aus?
Dr. Rudorfer: Es scheint, dass es mehr „Unruhestand“ als Ruhe ist. Das gehört wohl zu meiner DNA und daher habe ich eine Reihe von Projekten gestartet, für den Finanzsektor als selbständiger Unternehmensberater und in einer Agentur, die auf strategische Kommunikation spezialisiert ist.
Daneben befasse ich mich mit jungen Anbietern und Services, ich lerne da viel Neues, viele neue und spannende Menschen kennen. Mein Privileg als Geschäftsführer der Bundessparte war, für und mit Menschen zusammenarbeiten zu dürfen, die Weichensteller unseres Landes und unserer Wirtschaft sind. Ich konnte von ihnen sehr viel lernen und verstehen, welch zentrale Rolle der Finanzsektor für ein Land, einen Standort spielt.
ForumF: …und worauf freust Du Dich nun am meisten?
Dr. Rudorfer: Neues lernen und tun, das ist für mich Antrieb und Sinn. Meine Familie war und ist mir besonders wichtig, da versuche ich sicht- und spürbarer zu sein als in meinem bisherigen Berufsleben.
Vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person: Dr. Franz Rudorfer ist Jurist und hat bereits neben seinem Studium als Assistent an der Johann Kepler Universität gearbeitet. Vortragstätigkeit, Publikationen und Funktionen rund um seine Tätigkeit als stv GF der Bundessparte „Bank und Versicherung“ bzw. ab 2012 als deren GF waren weitere Schwerpunkte neben seiner Tätigkeit als Interessenvertreter der Finanzbranche. Diese Interessenvertretung umfasste auch die Europäische und internationale Ebene.
Persönlich ist Franz Rudorfer leidenschaftlicher Familienvater und Läufer, vorzugsweise an seinem Lieblingsende der Welt, in Bali.
















