‚Sparbuchsparer haben hohes Verlustrisiko‘

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Das Thema zieht jetzt doch weitere Kreise: Unter dem Motto „Sechs Milliarden mehr“ fiel beim Finanzjournalistenforum im Großen Kassensaal der BAWAG P.S.K. der Startschuss für eine intensivere Bewusstseinsbildung. Denn die Österreicher erleiden in ihrer Veranlagung von Erspartem derzeit eine blamable Performance. Man ist den Gründen auf der Spur.

Rund 50 Finanz‐ und Wirtschaftsjournalisten sowie Branchenvertreter folgten der Einladung von Martin Kwauka zum Finanzjournalistenforum, das im Großen Kassensaal der BAWAG P.S.K.-Zentrale stattfand. Unter dem Motto „Sechs Milliarden mehr“ ging es um die Frage, was getan werden muss, um den Österreichern die Scheu vor Wertpapieren zu nehmen. „Wenn es durch eine Änderung des österreichischen Anlageverhaltens gelänge, die Nettorendite langfristig um einen Prozentpunkt zu heben, könnten pro Jahr mehr als sechs Milliarden Euro zusätzliches Privatvermögen geschaffen werden – und damit wäre man immer noch weit vom europaweiten Durchschnitt entfernt“, rechnete Martin Kwauka, Gründer des Finanzjournalistenforums, dem Plenum vor.

Am Podium diskutierten Markus Gremmel, Bereichsleiter für Marketing und Produktmanagement bei der BAWAG P.S.K., Arne Holzhausen, Leiter Volkswirtschaftliche Abteilung bei der Allianz SE, Ernst Vejdovszky, Vorstand der S IMMO AG, und Constantin Veyder‐Malberg, Vorstand der Capital Bank. Wie Holzhausen unter Bezugnahme auf aktuelle Studien darlegte, bleibt seit der Finanzkrise die Entwicklung der privaten Geldvermögen in Österreich deutlich hinter der in den übrigen Euroländern zurück. An den Sparanstrengungen liege es nicht, die Probleme lägen woanders: Die Vermögenseinkommen der Österreicher waren nur gut halb so hoch wie in den übrigen Euroländern und die Wertgewinne der Veranlagungen erreichten gar nur ein Drittel des Vergleichswerts.

Die Quittung ist eindeutig und stimmt sehr nachdenklich: Die nominale Rendite liegt für die Jahre seit 2012 bei nur 2,4 % (Durchschnitt der übrigen Euroländer: 4,8 %), nach Abzug der Inflation bei mageren 0,7 % (3,7 %). Über die Ursachen müsse nicht lange gerätselt werden: Nirgendwo sonst ist der Anteil von Bargeld und Bankguthaben im Portfolio so hoch wie in Österreich – und gleichzeitig der Anteil von Aktien so niedrig. Die österreichischen Haushalte machen viel zu wenig aus ihren Vermögen.

Die Ursachen dafür sind vielschichtig: Laut Erfahrungen der BAWAG P.S.K. ziehen viele Privatkunden Wertpapiere als Veranlagungsprodukt zumeist erst nach einem persönlichen Gespräch mit einem Berater in Erwägung. „Wertpapier‐Veranlagung ist Vertrauenssache. Das persönliche Gespräch und der Vertrauensaufbau sind bei den ersten Veranlagungs‐Schritten außerhalb des ‚klassischen Sparbuchsparens‘ extrem wichtig. Denn viele denken im Zusammenhang mit Wertpapieren vorranging an Schwankungen und Verlustpotenzial, nur sehr wenige sehen auf Anhieb auch die Chancen auf langfristige potentielle Erträge“, betonte „Hausherr“ Markus Gremmel.

In der BAWAG P.S.K. beobachte man zudem, dass Kunden immer höhere Beträge auf Sichteinlagen haben. „Nicht zu investieren ist auch eine Investment‐Entscheidung – aber die denkbar schlechteste. Denn mit einer Inflationsrate von 3 % sinkt das Vermögen in 10 Jahren um ein Viertel, und in 20 Jahren um knapp die Hälfte“, gab Gremmel zu bedenken. Deshalb konzentriert sich die BAWAG P.S.K. vermehrt auf darauf, Bewusstsein dafür bei den Kunden zu schaffen: Denn der Erhalt der eigenen Kaufkraft ist den Österreichern wichtig – insbesondere im Hinblick auf die Pension. Das Verlustrisiko gut einschätzen oder idealerweise begrenzen zu können, sei aber ebenso wichtig.

Auch Ernst Vejdovszky von der S IMMO AG verwies bei der Diskussion auf den Kapitalmarkt als chancenstarken Ausgleich zum klassischen Sparbuch für Privatanleger in Zeiten von historisch niedrigen Zinsniveaus: „In einem gut strukturierten  Anlageportfolio sollten Immobilien auf keinen Fall fehlen. Eigenheime und Vorsorgewohnungen sind in Österreich sehr beliebt, für kleinere Veranlagungssummen stellen Immobilienaktien eine attraktive Alternative dar.“

Constantin Veyder‐Malberg, der sehr pointiert persönliche Erfahrungen aus seinem mehr als drei Jahrzehnte währenden Beratungsalltag zum Besten gab, merkte an, dass den Österreichern eine klare Vermögensstrategie und die Langfristigkeit im Anlageverhalten fehlten: „Wer diese hat, hält Marktschwankungen aus. Die Belohnung sind deutlich bessere Renditen und diese schützen naturgemäß vor dem Realverlust im Geldvermögen.“

Arne Holzhausen hob auf der Basis von umfassenden Allianz –Analysen hervor, dass die Österreicher in der Finanzkrise einiges richtig gemacht hätten, denn das Vermögen sei trotz Turbulenzen weiter gewachsen: „Aber sie haben den Ausgang aus dem Krisenmodus verpasst, denn immer noch regieren die Sehnsucht nach Sicherheit und sofort verfügbarer Liquidität. Die folgenden sechs Jahre Aufschwung haben die Österreicher daher mehr oder weniger verschlafen. Das war kostspielig, bei etwas mehr Risikoneigung könnten die Geldvermögen heute um mindestens 25 Mrd. Euro höher liegen.“

Einig war man sich am Podium bei der Definition des Ausweges: Mehr Finanzbildung – nicht nur via Schulsystem. Klare Definition der Sparziele, mehr Anlagerbewusstsein für langfristiges Engagement ohne Panik bei Kursschwankungen und endlich auch steuerliche Rahmenbedingungen für eine Renaissance der Privaten auf dem Kapitalmarkt.

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